Zum Tod von Daniel Vischer

5 Minuten in der Fraumünster-Kirche in Zürich, 9. Februar 2017

Liebe Bettina, Severina und Marius, liebe Trauerfamilie, liebe Trauergemeinde. Ich darf in den nächsten paar Minuten einige politische Fäden aufnehmen, an denen Daniel Vischer – eine herausragende politische Persönlichkeit – gesponnen hat.

Ich habe Daniel Vischer in den siebziger Jahren kennengelernt. Er betreute als Vertreter der POCH-Schweiz die Sektion Luzern und hatte den meisten von uns Erfahrung, aber auch Schulung voraus. Er führte uns an die strategischen Überlegungen der Partei heran, damals eher dozierend. Es rauchte im Sekretariat, wenn er Texte entwarf. Man erzählte, dass sich die Schreibmaschine vorne mit Asche füllen konnte; die Konzentration für die Entwicklung einer Idee musste ja nicht mangels Aschenbecher gestört werden. Sè non e vero, è ben trovato.

Der Widerstand gegen die Brutalität imperialistischer Macht, es war die Zeit von Vietnamkrieg und Putsch in Chile, verband ihn mit Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Am liebsten waren ihm jene, die eigenständige Wege gegen Unterdrückung und Ausbeutung suchten. Das blieb ein Markenzeichen. Daniel war mitgerissen von Che Guevara, von Ho Chi Minh, kämpfte selbst couragiert und organisierte Solidaritätsaktionen. Ein Leben lang engagierte er sich für das palästinensische Volk, für dessen Kampf um Freiheit und einen eigenen Staat. Die soziale Frage hatte er nicht nur national, sondern im Weltmassstab begriffen.

Vieles, was sein Leben prägte, gründete in der 68er Bewegung. Eine überhebliche politische Klasse und ein Establishment, das Minderheiten vom öffentlichen Leben möglichst fernhielt - und Frauen auch –, sie nährten das Aufbegehren, den Widerstand gegen Autorität und Unterdrückung. Enge und Beklemmung fanden ein Ventil im Protest. Daniel lernte, ihn in Politik und in Juristerei umzuleiten. Es half ihm ab 1983 im Zürcher Kantonsrat, es inspirierte ihn als Anwalt, Einzelne vor Behördenwillkür zu schützen, natürlich auch MigrantInnen. Es kam ihm auch zugut als Präsident der Sektion Luftverkehr der Gewerkschaft VPOD. Mit dem Swissair-Grounding 2001 wurde er national bekannt und 2003 in den Nationalrat gewählt. Da trafen wir uns ab 2006 in der Fraktion der Grünen wieder.

Wo immer Dani auftrat: Er prägte Debatten mit, selbstköpfig, heisst selbständig und unabhängig. Demokratie und Rechtsstaat dachte er immer zusammen, wie Umwelt und Soziales auch. Er war ein scharfzüngiger Debatter: im Rat, in der Fraktion, an Versammlungen. Aber nie verletzend. War er am Mikrofon, wurde es oft ruhig im lauten NR-Saal. Er konnte prima austeilen, aber so wie gute Boxer auch einstecken und wieder kontern. Das Dozieren legte er in der Zeit ab, er hatte gelernt, dem Gegenüber Platz zu lassen.

„Wie sehsch Du’s“, fragte er. Er war so interessiert, wollte immer viel wissen, alles diskutieren, unermüdlich hinterfragen und auslegen. Viele Rats- und Kommissionssitzungen haben wir, auch mit anderen, bei einem Bier oder einem Einerli im „Digi“ in Bern nachbereitet, nun ohne Rauch – er hatte eine Lungenoperation hinter sich -, und mit der Zeit wegen der Medikamente auch häufiger alkoholfrei. Lustig hatten wir es trotzdem. Er erzählte Anekdoten von Politikern und imitierte diese. Ihn fesselte aber nicht nur Politik, sondern auch Literatur und - Fussball. Der FCB oder der italienische Calcio: Gigi Riva, Boninsegna, aber auch Brasilianer, Deutsche, Argentinier und er konnte halbe WM-Partien geistig nachspielen: Mit Daniel war‘s kurzweilig!

Ob man sich mit ihm verabredete oder ihn überraschend in der Stadt traf, immer trug er Lektüre bei sich: Zeitungen, Zeitschriften, Bücher. Politische Aktion und Auseinandersetzung, geschrieben und mündlich, gehörte zu ihm wie Atmen. Sein Interesse, ja seine Begeisterung für politische Theorie war riesig. Er las zahllose Autoren - Klassiker und Zeitgenossen - und er konnte vieles jederzeit aus dem Stegreif erörtern oder erklären. Voraussetzung für Übereinstimmung war, dass Gesellschaft die entscheidende Kategorie und anderes, auch Wirtschaft, als Teil davon gedacht war. Das entsprach seinem Bild von der Welt und das macht ja auch Politik möglich. Aus dieser schied er 2015 aus. Ich vermisste ihn seither im Bundeshaus und in der Fraktion. Und nun - vermissen wir ihn überhaupt.
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