Erwerbslosen- statt Arbeitslosenstatistik

erschienen in der Zeitschrift «Erfolg» des SKV Schweizerischer KMU-Verband, Ausgabe 8, September 2015

Der starke Franken setzt vielen und immer mehr Firmen zu. Auftragsbücher werden dünner, da und dort wird kurz-, in manchen Betrieben zum gleichen Lohn länger gearbeitet. Und was nicht zu überhören ist: Verbreitet brechen Margen ein. Kein Wunder, werden auch Arbeitsplätze abgebaut, Mitarbeitende entlassen. Die Arbeitslosigkeit steigt und wird bis Ende Jahr noch höher. So sehen es Prognoseinstitute, aber auch das Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft). Die Schätzungen schwanken zwischen 3,5 und 4 Prozent.

Vergleicht man diese Zahlen und Aussichten mit jenen anderer Länder, steht die Schweiz gut da. Nun, die Situation ist auch im Durchschnitt in der Schweiz verhältnismässig gut. Doch es gibt zum Beispiel deutsche Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern, die weisen günstigere Zahlen aus. Wobei einzuräumen ist, dass die höheren Wachstums- und besseren Beschäftigungszahlen zum Teil mit tieferen Löhnen zu erklären sind.

Leider schönen aber die Schweizer Arbeitslosenzahlen im Grunde das eigentliche Ausmass der Probleme. In der Statistik der Arbeitslosigkeit des Seco erscheinen nicht alle Menschen, die arbeiten möchten, aber keine Arbeit haben. So werden von den Seco-Zahlen die Jugendlichen ohne Arbeit, die nicht bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet sind, nicht erfasst. Ebenso wenig, wer ausgesteuert ist, wer Sozialhilfe bezieht, wer gerne länger arbeiten würde aber nur eine Teilzeitanstellung hat.

Das Seco erfasst unter dem Begriff der Arbeitslosigkeit nur Personen, die keine Arbeit haben, die aktiv eine Arbeit suchen und sofort vermittelbar sind. Trotzdem werden in der Arbeitslosenstatistik nicht einmal alle Personen geführt, bei denen die Kriterien zutreffen. Arbeitslose, die zum Beispiel ein Praktikum oder ein Programm zur vorübergehenden Beschäftigung absolvieren, sind registriert und erfüllen die genannten Kriterien. Trotzdem sind sie in der Statistik des Seco nicht enthalten. Das ist nicht nachvollziehbar.

Insgesamt ergeben sich grobe Verzerrungen. Das viel realistischere Bild der Beschäftigungssituation zeichnet die sogenannte Erwerbslosenstatistik. Die vierteljährlich erscheinende Erwerbslosenstatistik wird vom Bundesamt für Statistik gemacht. Die Daten werden im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) als repräsentative Stichprobe erhoben. Das ist eine nach den Richtlinien des Internationalen Arbeitsamtes (IAA) durchgeführte telefonische Befragung bei Haushalten. Sie fragt nicht nach der Registrierung beim RAV, sondern nach der Beschäftigung.

Daraus ergibt sich ein korrekteres Abbild der realen Verhältnisse. Werden die Erwerbslosen in der Schweiz gemäss Methode des IAA gezählt, liegt die Arbeitslosenquote um etwa die Hälfte höher. Das sind heute statt 3,1 Prozent etwa 4,5. Treffen die Prognosen bis Ende Jahr ein, werden mehr als 5 Prozent der Menschen erwerbslos sein.

Ich plädiere für eine wissensbasierte Politik. Stützt sie sich auf Fakten, ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlgriffen kleiner. Der Bundesrat müsste sich deshalb für volkswirtschaftliche Überlegungen und zur Basierung seiner Beschäftigungspolitik nicht auf die Arbeitslosenstatistik des Seco, sondern auf die Erwerbslosenstatistik gemäss IAA stützen. Diese Zahlen sind realistischer und zudem international vergleichbar. In aller Regel verwenden unsere Nachbarländer nämlich diese Zahlen, um über den Stand der Beschäftigung zu informieren. Die Arbeitslosenquote gemäss Seco verunmöglicht dagegen einen direkten Vergleich der Erwerbslosenquoten zum Beispiel mit unseren Nachbarländern.
Kontakt

Komitee 2015
Überparteiliches Komitee
Louis Schelbert
6000 Luzern

» Namensliste Komitee...